Ausstellung: Vogelsberger Spinnstuben

- Geschichten und Lieder aus der guten alten Zeit -

von Renate Seifert-Rüsche

vom 15. Juni bis 28. Juli 2013

Spinnstuben Plakat
Zum Vergrößern bitte anklicken...

Pressebericht von Dieter Graulich zur Eröffnung:

Spinnstuben als Gemeinschaftsstätte für das Leben des Volksliedes

„Vogelsberger Spinnstuben“, was verbirgt sich hinter dieser Ausstellung. Die jüngeren Menschen wissen nicht mehr, was eine Spinnstube war und was dort geschah. Auch ich kenne die Spinnstube nur noch vom erzählen meiner Eltern, Großeltern oder von Familienzusammenkünften der älteren Generation, wenn von den „guten alten Zeiten“ und eben auch von Geschichten aus der Spinnstube berichtet wird“, so Bürgermeister Edwin Schneider am Samstag-nachmittag bei der Eröffnung der Ausstellung von Renate Seifert-Rüsche im Museum im Vorwerk.

Diese Erzählungen gingen auf das 20. Jahrhundert bis in die 1950ér Jahre zurück. Die Spinnstuben hätten aber eine wesentlich längere Geschichte hinter sich. Wenn man im Internet den Suchbegriff „Spinnstube“ eingebe, finde man viele Seiten, die sich mit dieser befassen und man könne sich sehr umfangreich über das Thema informieren.

In der Zeit der langen Abende in den Herbst- und Wintermonaten waren die Spinn- oder Rockenstuben der Treffpunkt der Landjugend zur Erholung und Kurzweil. Von Allerheiligen bis Mitte März hielt die Jugend ihre Spinnstuben, meist im "Dorfhaus“. Das Gesellige trat neben der Spinnarbeit besonders hervor. Es wurde sich unterhalten, Geschichten erzählt, Gesellschaftsspiele veranstaltet, gesungen und getanzt. War das Spinnen so zwischen 9 und 10 Uhr abends zu Ende, wobei während der Arbeit meist Gespräche um Ereignisse und die öffentliche Meinung des Dorfes geführt wurden, kam den hergebrachten Spielen in der Spinnstube nun besondere Bedeutung zu.

Die Burschen kamen meist schon während der Spinnarbeit in die Spinnstube und machten sich durch mancherlei, oft übertriebene Neckereien bemerkbar. Hierzu ge-hörten das Ausheben der Fensterläden am Spinnstubenhaus, das Verwirren der im Hausflur von den Spinnstubenteilnehmerinnen hingestellten Holzschuhe und noch viel mehr anderer Unfug stand auf der Tagesordnung. Es wurden in den Spinnstuben auch gesellige Spiele, vor allem Pfänderspiele durchgeführt, wie Schinkenklopfen und Blindekuh.

Spinnstube
Anne Kathip-Shahidi, Renate Seifert Rüsche, sowie Bürgermeister Edwin Schneider in einer „Spinnstube“. (v. links)

Wenn der Uhrzeiger schon auf eine späte Stunde, etwa 11 Uhr nachts, vorgerückt war, war das "Tischrücken“ eine beliebte Unterhaltung. Alle Anwesenden setzten sich um einen Tisch, der keinen eisernen Nagel haben durfte. Ihre Hände legten sie auf den Tischrand. Nun wurde der Gedanke auf eine bestimmte Sache konzentriert, zum Beispiel auf eine Frage aus dem Leben eines Anwesenden. Die Frage wurde gestellt und der Tisch gab, so wird erzählt, durch Klopfen mit den Füßen Antwort.

Natürlich kam auch der Tanz in der Spinnstube zu seinem Recht, und es wurde nach getaner Spinnarbeit mit Vorliebe das Tanzbein geschwungen. Unter den Teilnehmern der Spinnstuben war meistens einer der Mundharmonika spielen konnte. Oft fand sich auch ein Ziehharmonikaspieler. Die Hausmusik wurde auf diese Art gepflegt. Es gab nur wenige öffentliche Tanzveranstaltungen, deshalb bot die Spinnstube eine gute Gelegenheit, die ersten Tanzschritte zu versuchen. Eine besondere Bedeutung hatte die Spinnstubengeselligkeit für die Pflege der Überlieferung des Liedgutes. Immer wieder wird von Sammlern des 19. Jahrhunderts auf den hohen Wert der Spinnstuben als Gemeinschaftsstätte für das Leben des Volksliedes hingewiesen. Das Schwinden des Liedgutschatzes wird darum vielfach auf den Verfall der Spinnstuben zurückgeführt. Der Inhalt der in den Spinnstuben gepflegten Volkslieder war so verschiedenartig wie das Leben selbst. Es gab kaum eine Situation, eine seelische Regung, die nicht in einem dieser Lieder vor- oder ausgesprochen ist.

„Viele dieser Lieder, die in den Spinnstuben gesungen wurden, sind uns heute noch gut bekannt: "Nach meiner Heimat, da zieht`s mich wieder“, "In einem kühlen Grunde, da steht ein Mühlenrad" oder "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", so Bürgermeister Schneider.

Kathip Shahidi
Anne Kathip- Shahidi

Die Spinnstubengeselligkeit habe auch eine besondere Bedeutung für die Pflege der Überlieferung des Erzählgutes, der Volkssagen, der Volkserzählungen gehabt. Das Schwinden des Erzählgutschatzes wurde dann vielfach auf den Verfall der Spinnstuben zurückgeführt. Eine besondere Note erhielt dieses Erzählgut, wenn der Altbauer (Großvater) oder die Altbäuerin (Großmutter), die im Hintergrund der Spinnstube saßen und bisher zuhörten, am Gespräch teilnahmen. Dabei bevorzugten sie meist schaurige Geschichten von bösen Geistern, Hexen und feurigen Männchen und erzeugten damit eine besondere, erregende Atmosphäre in der Spinnstube.

Die Zeit des Spinnstubengehens im Winterhalbjahr war auch landschaftlich und dörflich genau geregelt. Die gewöhnliche Dauer war von Kirchweih bis Ostern. In der Spinnstubenzeit fielen allerlei kleine Feste an, die in der stillen Winterzeit Akzente gaben. Nikolausfeier, Silvesterabend und vor allem die Fastnacht sind zu nennen, die vielfach von der Spinnstube her gestaltet wurden, oft verbunden mit Schmaus und Trank und manchem Gabenwesen. An Os-tern gingen die Burschen Ostereier sammeln, die ebenfalls in der Spinnstube gemeinsam verzehrt wurden. Festlich wurde auch der Abschluss der Spinnstube im Frühjahr begangen. Lichtauslöschen, Lichtbegraben, Spinnstubenräuchern hießen unter anderem einige Bezeichnungen dieser sogenannten Abschlussfeste.

Die Spinnstubengemeinschaft zerfiel aber nicht mit dem Abschluss dieser winterlichen Zusammenkünfte, sie blieb den Sommer über wirksam, bei Tanz und anderen öffentlichen Zusammenkünften, sie wurde zur Lebensgemeinschaft, nahm Anteil an allen Ereignissen der Angehörigen, bei Hochzeit und Tod. „Heute gibt es keine solchen Spinnstuben mehr. Die Spinnräder und Rocken, die Hecheln und Haspeln sind selber eingesponnen von Staub und Spinnweben auf den Dachböden der Bauernhäuser. Einen Webstuhl findet man im ganzen Dorf nicht mehr.

Heute schnurrt in den Bauernhäusern kein Spinnrad mehr. Dafür hat man jetzt in jedem Haus Radio und Fernseher, diese schnurren und surren fast den ganzen Tag, dass man oft sein eigenes Wort nicht versteht! Schade, dass unter diesen neuen Errungenschaften der Gesellschaft der Gemeinsinn, das gute alte deutsche Liedgut und die vielseitigen Geschichten der Spinnstube mit der Zeit immer mehr verloren gehen“, bedauerte das Stadtoberhaupt und meinte abschließend: „Freuen wir uns aber, dass die Ausstellung „Vogelsberger Spinnstuben“ diese gute alte Zeit aufgreift in der Hoffnung, dass sie viele Besucher anziehen wird, damit die Erinnerungen wach werden und die Geschichten, von denen, die sie noch erleben durften, auch an die Jüngeren unter uns weitergegeben werden, damit sie der Nachwelt erhalten bleiben“.

„Die „gute alte Zeit“ sieht aus heutiger Sicht alles andere als „gut“ aus, denn den Menschen ging es wirtschaftlich schlecht, aber trotzdem blieben die meisten in den Dörfern und beklagten sich nicht“, stellte die Ausstellerin dann fest. Die ledigen Mädchen und Jungen seien in der Winterzeit in die Spinnstube gegangen und so sei die Spinnstube auch oftmals zum Heiratsmarkt geworden. Dank sagte sie allen, die zum Gelingen der Ausstellung beigetragen hätten. Da sie als „Zugezogene“ die Mundart nicht komplett beherrsche und oftmals nicht alles verstehe, war sie erfreut, dass Anne-Kathip-Shahidi von den Schottener Landfrauen abschließend das Gedicht „Mein Vogelsberg soll lebe“ in Vogelsberger Platt vortrug.

Bei einem Rundgang erläuterte die Feldkrücker Künstlerin die ausgestellten Exponate. Mit dabei waren Bilder aus der Spinnstubenzeit von 1927, technische Zeichnungen der ersten kommerziellen maschinellen Spinnräder und Aussagen von Paula Stein (Ulrichstein), die selbst noch an den Spinnstuben teilgenommen hat.